Kaiserin Elisabeth von Österreich

Elisabeth von Österreich-Ungarn

Her royal Campness: Kaiserin Elisabeth von Österreich

Elisabeth von Österreich, Franz Xaver Winterhalter, 1865
Franz Xaver Winterhalter, 1865

Süß bei Ernst Marischka, unnahbar bei Visconti, tragisch im Musical. Dabei immer ästhetisch, immer exzentrisch, immer faszinierend. Immer komplett übertrieben und gerade darum irgendwie gut. Sisi ist für viele der Gay-Community eine Ikone. Zumindest bedient her royal Campness mit ihrer Selbstinszenierung und ihrem ästhetischen Lebensprinzip einige Klischees und tatsächlich gibt es auch darüber hinaus ein paar Verbindungen zwischen Sisi und Homosexualität.

Der kaiserliche Skandalschwager

Sisi hatte zumindest zwei Personen in ihrem nahen Umfeld, deren Homosexualität unbestritten ist. Doch unterschiedlicher könnten die Beziehungen, die sie zu Ludwig Viktor einerseits und Ludwig von Bayern andererseits hatte, kaum sein. Ludwig Viktor, genannt Luziwuzi, war ein Fall für sich. Er war der jüngste Bruder von Kaiser Franz Joseph, ein Nesthäkchen das lange Zeit belächelt wurde und zugleich Narrenfreiheit genoss. Später entpuppte er sich als Skandalnudel: Er soll Frauenkleider getragen haben und sich zum Schrecken der Familie sogar damit fotografieren haben lassen. Im Centralbad (der heutigen Gay-Sauna Kaiserbründl), das als etwas zwielichtige öffentliche Badeanstalt und Sauna von Offizieren besucht wurde, war er an einer Prügelei beteiligt. Er sollte einen Offizier begrapscht haben, der davon nicht so begeistert war, und Luziwuzi ohrfeigte. Außerdem lud Ludwig Viktor angeblich gerne Offiziere zum Baden in seinem hauseigenen Pool ein – Badehosen stellte er nicht zur Verfügung. Elisabeth begegnete ihrem Schwager mit Misstrauen, nicht wegen seiner sexuellen Neigungen, die sie nie thematisierte, sondern weil er ihrer Ansicht nach Zwietracht innerhalb der Familie stifte. Als man die sexuellen Aktivitäten Ludwig Viktors nicht mehr vertuschen konnte, wurde er nach Klessheim in Salzburg übersiedelt.

Zwei Herzen, eine Seele

Ganz anders gestaltete sich die Beziehung Elisabeths zum ebenfalls schwulen Ludwig von Bayern, später König Ludwig II. Kaiserin Elisabeth bezeichnete ihren Cousin als Seelenverwandten; die beiden unterhielten einen regen Briefwechsel und tauschten auch ihre Gedichte aus. Auch wenn es gelegentlich anders dargestellt wird, war diese Beziehung rein platonisch. Denn aus Ludwigs II. privatem Tagebuch, das 1925 veröffentlicht wurde, geht hervor, dass er dem männlichen Geschlecht zugeneigt war und zeitlebens versuchte, diese von ihm selbst als sündhaft empfundenen Neigungen zurückzudrängen und zu verheimlichen. Der Versuch sich zu verstecken, war ihm sein Leben lang eine schwere Last und obendrein nicht wirklich erfolgreich: Der König lud er regelmäßig Reitersoldaten auf sein Schloss, um mit ihnen … ähem … zu feiern. Dass Kaiserin Elisabeth nichts von diesen offenen Geheimnissen wusste ist äußerst unwahrscheinlich – geäußert hat sie sich aber nicht dazu. Vielmehr verband die beiden Königskinder eine innige Freundschaft, die womöglich darauf gründete, dass beide in dem Leben, das ihnen aufgezwungen war, nicht atmen konnten und stets mit Depressionen und Oppressionen ihrer Familien zu kämpfen hatten. Während Ludwig II. einen ebenso tragischen wie ungeklärten Tod fand – er wurde am 13. Juni 1886 im Starnberger See gefunden – begab sich Sisi auf eine ständige Flucht. Zuallererst in eine exzessives Schönheitsbestreben, das bis heute unübertroffen ist.

Schönheitskult und Schlankheitswahn

Kaiserin Elisabeth von Österreich Sisi

Ob das ein Morgen nach unserem Geschmack wäre, wissen wir nicht. Die Kaiserin folgte täglich einem festen Ritual, das ihre Schönheit erhalten sollte: Zuerst muss sie zwei Scheiben Rindfleisch von ihrem Gesicht nehmen, die sie zur Hautstraffung über Nacht aufgelegt hatte. Dann trinkt sie ein Glas frische Milch, damals ein Luxusgut. Danach wird an Reckstange und Ringen geturnt und mit Hanteln trainiert. Dafür hatte die Kaiserin in jedem ihrer Domizile eine eigene Turnkammer, die in der Hofburg kann man heute noch besichtigen. Und was man dort sieht ist im Prinzip nichts anderes, als das erste Fitnessstudio Österreichs. Privat, klein, aber immerhin. Danach wurde es weniger lustig, denn die Kaiserin ließ sich wiegen und vermessen, an Waden, Schenkel, Taille. Das Traummaß? 50 Kilo – besser noch darunter – bei 1,72 Meter. So hat sie natürlich auch strikte Diät gehalten, sodass sogar Hungerödeme entstanden. Kein Wunder, dass man auch zu damaligen Zeiten schon von Essstörungen der Kaiserin gesprochen hat; heute bringt man auch ihre Depressionen mit Magersucht in Verbindung.
Doch nicht nur der Körper, auch der Aufputz musste einwandfrei sein: Die Kaiserin war schon zu damaligen Zeiten eine Modeikone. Ihre Haare reichten bis zu ihren Knöcheln und die Hoffriseuse Fanny Feifalk verbrachte täglich drei Stunden damit diese Pracht zu bürsten, pflegen und flechten. Bei der Haarwäsche hielt Sisi sich allerdings – der damaligen Zeit angemessen – zurück: Die fand nur alle drei Wochen statt, dauerte aber mit allem Drumherum einen vollen Tag.

Wenn eine eine Reise tut …

dann kann sie sich verstecken. Vor dem Kaiser, vor der Schwiegermutter, vor dem Hofzeremoniell, das der Kaiserin von Beginn an ein Graus war, und vor dem gesamten neugierigen Volk, das jede Regung der Kaiserin genau mitverfolgte. Sisi war rastlos, charakterisiert von einem Mix aus Freiheitsdrang, Wehmut und Drama. Ihre Ehe mit Kaiser Franz Joseph, in die sie 1854 viel zu jung schlitterte („Einem Kaiser gibt man keinen Korb‟, wird ihre Mutter zitiert.), empfindet sie noch beengender als ihre geschnürten Korsetts: „ Die Ehe ist eine widersinnige Einrichtung. Als 15-jähriges Kind wird man verkauft und tut einen Schwur, den man nicht versteht und dann 30 Jahre oder länger bereut und nicht lösen kann‟, wird die Kaiserin zitiert. Eine Lösung ist tatsächlich nicht möglich, aber eine stete Flucht. 1860 lösen Gerüchte um Seitensprünge des Kaisers eine Ehekrise aus; wobei auch belegt ist, dass die Kaiserin selbst ein Treffen zwischen dem Kaiser und der Schauspielerin Katharina Schratt inszenierte, um eine Beziehung zwischen den beiden zu begünstigen und sich selbst dadurch etwas mehr Freiheit zu verschaffen. Das klappte, der Kaiser war hin und weg von seiner Kathi und die Kaiserin? Die war ebenfalls weg. Sie reist zunächst zu ihren Eltern nach Possenhofen, danach auf die Insel Madeira. Um Gerüchten vorzubeugen wird verbreitet, dass die Kaiserin ein Lungenleiden hätte. Die „verordnete Kur‟ dauerte letztendlich zwei Jahre. Danach schafft die Kaiserin Züge, Kutschen und Schiffe an und reist nach Belieben durch die Welt – Istanbul, Kleinasien, Nordafrika, Frankreich, Venedig und Korfu sind ihre Ziele und Durchgangsorte.

Das Achilleion als Zufluchtsort

Achilles auf Korfu / Achilleion
Achilles auf Korfu

Eine neue Heimat schuf sich die Kaiserin schließlich auf Korfu. Um 1890 lässt sie sich auf der Insel ein Schloss errichten. Sie nennt es Achilleion. Als Referenz an den schwulen Helden der Ilias, der im Mythos eine zärtliche Beziehung zu Patroklus pflegt und der den ganz persönlichen Held der Kaiserin darstellt. 1884 lässt sie im Schlosspark die Statue „Sterbender Achill‟ von Ernst Herter aufstellen; im Haus findet sich ein Fresko, das ebenfalls Achill zeigt. Allerdings als quicklebendigen Sieger, der vor den Toren von Troja auf einem Streitwagen steht. Heute steht noch eine zweite Achilles-Skulptur im Garten („Siegreicher Achill‟ von Johannes Götz), die erst nach dem Tod Elisabeths aufgestellt wurde. Im Park befand sich zu Sisis Zeiten ein Denkmal für Heinrich Heine, den die Kaiserin ebenfalls über alle Maßen verehrte und der ihr als dichterisches Vorbild, als Meister, galt. Und nicht nur das, sie war gar der Ansicht, dass Heinrich Heine ihr die Gedichte, die sie niederschrieb, diktierte. Die Statue wurde nach ihrem Tod durch eine Statue der Kaiserin selbst ersetzt. Wer mehr über das Achilleion und Sisis Leidenschaft für Griechenland erfahren möchte – die Kaiserin hat schließlich Alt- und Neugriechisch gelernt, Homer gelesen und antike Schriften übersetzt – sollte sich die Sonderausstellung im Hofmobiliendepot (www.hofmobiliendepot.at) ansehen. Bis 27. Jänner 2013 wird „Sisi auf Korfu. Die Kaiserin und das Achilleion‟ noch gezeigt.

Süß bei Ernst Marischka, unnahbar bei Visconti, tragisch im Musical. Dabei immer ästhetisch, immer exzentrisch, immer faszinierend. Immer komplett übertrieben und gerade darum irgendwie gut. Kann man Sisi queer interpretieren? Man kann.