Ausstellung - Sex in Wien

Sexualität und Stadt – das ist eine ebenso lustvolle wie anstößige Beziehung. Nie zuvor haben sich Formen, Darstellungen und die Bewertung von Sex so stark verändert wie im Prozess der Urbanisierung. Die moderne Großstadt eröffnete Freiräume und versprach Anonymität, Auswege aus sozialer Kontrolle und die Erfüllung sexueller Wünsche. Zugleich schuf die Stadt neue Möglichkeiten der Überwachung, der Disziplinierung und der Kategorisierung von Sexualität.

Die Ausstellung Sex in Wien erzählt anhand zahlreicher Beispiele vom 19. Jahrhundert bis heute, wie dieses stete Ringen um Verbot und Freiheit jeden Moment einer sexuellen Begegnung prägte und prägt – vom „ersten Blick“ bis zur „Zigarette danach“.

Wer durfte wen auf welche Weise anschauen? Wer wen ansprechen? Welche Arten von sexuellem Begehren konnten offen ausgelebt werden, welche nur im Verborgenen? Und welche Konsequenzen musste man fürchten, wenn man dabei erwischt wurde? Deutlich wird, dass es weder Moralpredigten, wissenschaftliche Systematisierung noch polizeiliche Kontrolle je geschafft haben, all das zu reglementieren, was in den Schlafzimmern, in geheimen Räumen und in dunklen Ecken der Stadt seinen Platz gefunden hat. Die Idee zur Ausstellung stammt von Wien Museum-Direktor Matti Bunzl, der als Kulturanthropologe u.a. speziell zur Geschichte der Homosexualität in Wien geforscht hat. Umgesetzt wurde sie in Zusammenarbeit mit QWIEN–Zentrum fürschwul/lesbische Kultur und Geschichte. Das Kurator_innenteam besteht aus Andreas Brunner (Zentrum QWIEN), Frauke Kreutler, Michaela Lindinger, Gerhard Milchram, Martina Nußbaumer (alle Wien Museum) sowie Hannes Sulzenbacher (Zentrum
QWIEN).

„Die Kulturgeschichte der Sexualität in der Stadt anhand des Beispiels Wiens erstmals groß angelegt darzustellen, war die enorm spannende Herausforderung bei diesem Ausstellungsprojekt“, so Direktor Matti Bunzl. „Denn es ist kein Zufall, dass Sigmund Freud seine Einsichten gerade in Wien entwickelt hat. Die Stadt war ein Wegbereiter des modernen Verständnisses von Sexualität. So war der Schöpfer des Begriffs ‚homosexuell‘, der österreichisch-ungarische Schriftsteller Karl Maria Kertbeny, ein geborener Wiener; so arbeitete der Psychiater Richard von Krafft-Ebing – Autor der bahnbrechenden Psychopathia sexualis (1886), des ersten Versuchs einer systematischen Erfassung der damals als Sexualpathologien verstandenen Spielarten menschlicher Sexualität – in der Stadt. Diese und andere Errungenschaften in Erinnerung zu rufen, ist ein Ziel der Ausstellung. Wien als Ort der sexuellen Avantgarde darzustellen, bedeutet aber keineswegs, dass es sich um eine voyeuristische Schau handelt. Ganz im Gegenteil. Es geht um die wissenschaftliche Aufarbeitung eines der zentralen Themen unseres Lebens“, so Bunzl.

Sowohl private als auch kommerzielle Darstellungen von Sexualität dienen zumeist der aufreizenden Stimulation und der Visualisierung erotischer Wünsche – besonders dann, wenn sich diese nicht verwirklichen lassen. Dass die Objekte der Ausstellung in vielen Fällen die Dominanz des männlichen Blicks auf die Frau widerspiegeln, ist nicht weiter überraschend: Erotische und pornografische Bilder wurden über Jahrhunderte von Männern für Männer produziert.

Gezeigt werden rund 550 Ausstellungsobjekte, darunter zahlreiche Leihgaben. Zu den Highlights zählt ein bislang unveröff ntlichter Brief von Sigmund Freud, in dem dieser die Tätigkeit des Sexualforschers und Mitbegründers der ersten HomosexuellenBewegung Magnus Hirschfeld würdigt. Ein weltweit einzigartiges Exponat ist der vermutlich einzige im Original erhaltene „KZ-Winkel eines Rosa-Winkel-Häftlings“, eine Leihgabe aus dem United States Holocaust Memorial Museum in New York. Zahlreiche Fotografien und rare Filmdokumente – wie etwa „Ekstase“ (Regie: Gustav Machatý) mit Hedy Kiesler und „Mysterium des Geschlechtes“ (beide 1933) – erzählen von Wien als wichtigem europäischen Zentrum der erotischen Bildproduktion im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert. Die Bandbreite der gezeigten Objekte reicht von Dokumenten aus Polizeiarchiven über historische Verhütungsmittel bis hin zu einem Käfig aus einem S/M-Lokal und der Arbeitstasche einer Sexarbeiterin.

„Neben Objekten zur Alltagsgeschichte finden sich immer wieder Kunstwerke, u. a. von VALIE EXPORT, Pez Hejduk, Matthias Hermann, Didi Sattmann oder Hans Scheugl. Auch einige Auftragswerke sind zu sehen. So hat der Fotograf Klaus Pichler für die Ausstellung eine Fotoserie über „Sexorte“ im gegenwärtigen Wien (Laufhäuser, Bordelle, Studios, Nachtclubs, Stundenhotels etc.) angefertigt.“

Einige Objekte der Ausstellung machen es erforderlich, dass die Ausstellung „Sex in Wien“ entsprechend den gesetzlichen Bestimmungen des Jugendschutzes nur für Personen ab 18 Jahren zugänglich ist.

Anblicken, ansprechen, sich annähern

Die Ausstellung teilt sich in drei Abschnitte: „Vor dem Sex“, „Beim Sex“ und „Nach dem Sex“. Am Beginn steht der Blickkontakt, denn er entscheidet oft schon darüber, ob eine Annäherung überhaupt erwünscht ist oder nicht – je nachdem, ob der Blick auffordernd, begehrlich, ablehnend oder desinteressiert ist. „Aktiv schauen“ durften lange Zeit ausschließlich Männer, Frauen hatten den Blick sittsam zu senken und sich betrachten zu lassen (außer ihnen eilte der Ruf eines „moralisch verwerflichen“ Lebenswandels voraus, wie es etwa bei Prostituierten der Fall war). In bürgerlichen Kreisen galt das direkte Ansprechen als Tabu, man wurde einander durch Dritte vorgestellt. Wie überhaupt fremde Hilfe bei der Anbahnung oft vonnöten ist: ob durch familiäre Netzwerke, professionelle Heiratsvermittler_innen, Kontaktanzeigen, Dating-Apps oder Tischtelefone, die es ab den 1960er-Jahren in manchen Wiener Lokalen gab.

Auf erste Tuchfühlung geht es oft beim Tanz, weshalb das „richtige“ Benehmen bei Tanzveranstaltungen in der Vergangenheit streng reglementiert war. Bälle dienten vornehmlich der Eheanbahnung. Vor dem Zweiten Weltkrieg war die „Unschuldsfarbe“
Weiß bei Ballkleidern ausschließlich den Debütantinnen vorbehalten; ab der zweiten Saison mussten die jungen Frauen, die keinen Bräutigam gefunden hatten, auf Himmelblau oder Rosarot umsteigen. Immer wieder sorgten „skandalöse“ Tänze für Erregung, so etwa der eng getanzte „Wiener Walzer“ Anfang des 19. Jahrhunderts oder 150 Jahre später der Boogie und der Rock ’n’ Roll.

Was man darf – und was nicht

Im zweiten Abschnitt der Ausstellung („Beim Sex“) geht es zunächst um normative Vorgaben von Instanzen wie Kirche, Staat und Wissenschaft. Sex war lange Zeit nur zwischen Mann und Frau und nur innerhalb der Ehe gestattet und hatte der Reproduktion zu dienen. Einen wesentlichen Anteil an der Normierung sexueller Praktiken hatten Erziehungs- und Eheratgeber. Sie definierten bis ins letzte Detail, unter welchen Umständen Sex erlaubt war und in welchen Stellungen Mann und Frau den ehelichen Geschlechtsverkehr zu vollziehen hatten.

Über Jahrhunderte verboten und bestraft waren „abnorme“ oder „widernatürliche“ Sexualpraktiken wie etwa Sex außerhalb der Ehe oder Onanie (diese „Verschwendung des Samens“ wurde in Österreich erstmals in der Constitutio Criminalis Theresiana
(1768) unter Strafe gestellt). In der Frühen Neuzeit entstanden die ersten einschlägigen, in Gesetzesform gegossenen weltlichen Strafrechtsbestimmungen, die ihrerseits auf religiösen Wertvorstellungen beruhten. Nach der Aufklärung wurde abweichendes Sexualverhalten zunehmend wissenschaftlich pathologisiert, vormalige „Sünder_innen“ wurden nun plötzlich zu „Verbrecher_innen“. Vor allem die Medizin und die neu entstehende Sexualwissenschaft beschrieben nicht nur die Tat der Abweichung als verwerflich, sondern verliehen den Täter_innen auch eine „schädliche“ Persönlichkeit.

Viele dieser Pathologisierungen wurden von den Emanzipationsbewegungen des 20. Jahrhunderts radikal infrage gestellt; ihre Wirkmacht ist in vielen Bereichen aber bis heute ungebrochen.

Homosexualität wurde zunächst als „sodomitische Sünde“ bezeichnet und mit der Todesstrafe bedroht. Im 19. Jahrhundert betrachtete man gleichgeschlechtlichen Sex zwar zunehmend nicht mehr als Sünde, jedoch als kriminellen Akt oder Krankheit, die es zu „heilen“ galt – eine Ansicht, die sogar Sigmund Freud zu Beginn seiner Karriere vertrat. Was sich sexuell „gehört“, wurde allerdings im 20. Jahrhundert zusehends nicht mehr als „gottgegeben“ hingenommen. Die seit den 1990er-Jahren einflussreiche Queer Theory stellt die als „natürlich“ angenommene Geschlechterordnung endgültig infrage: Biologisches und soziales Geschlecht werden hier als soziale Konstruktion verstanden und nicht mehr als angeborene Kategorie.

Ein zentrales Thema der Ausstellung stellt Prostitution/Sexarbeit dar. Versuchte Maria Theresia im 18. Jahrhundert noch erfolglos, käuflichen Sex in Wien völlig zu verbieten, so setzten Juristen, Mediziner, Politiker und Polizei ab dem 19. Jahrhundert auf verstärkte Regulierung und Kontrolle. Die Sorge um die soziale Ordnung und öffentliche Gesundheit bestimmen bis heute den Umgang der Öffentlichkeit mit Sexarbeit; Sexarbeiter_innen selbst hingegen kämpfen um die Gleichstellung von Sexarbeit mit anderen Formen von Erwerbsarbeit.

Im Fokus stehen auch die „Sexorte“ Wiens. Abgesehen von den eigenen vier Wänden und den Separees, Nachtclubs, Stundenhotels und Bordellen lockt(e) auch der öffentliche und halböffentliche Raum – Parks, Bäder oder Saunen, die zu heimlichen sexuellen Treffpunkten spezifischer Szenen werden können. Die sexuelle Topografie der Stadt ist dabei ständig im Fluss, behördliche Regulierungen spielen eine große Rolle, wie etwa die Verdrängung des Straßenstrichs aus innerstädtischen Gegenden an die Peripherie beweist. Vor hundert Jahren empfahlen Ansichtskarten z.B. den Praterstern, die Spittelberggasse, den Graben, die Kärntner Straße, die Ringstraße, den Rathauspark und den Stadtpark als Hotspots des erotischen Wien.

Aus heutiger Sicht befremdlich erscheint der historische Umgang mit Pädophilie, ebenso wie die Verharmlosung von nicht einvernehmlichem Sex. Die minderjährige „Kindfrau“ galt in Wien um 1900 als Ideal (und im Bedarfsfall als „verkommenes
Geschöpf“), Vergewaltigung innerhalb der Ehe ist erst seit 1989 ein strafrechtliches Delikt.

Konsequenzen

„Nach dem Sex“ nennt sich der dritte und letzte Abschnitt der Ausstellung. Für die Frau bedeutete das Danach lange Zeit mehr Stress als Entspannung: Scheidenspülungen sollten ein unerwünschtes Einnisten des Samens verhindern – eine Methode, die höchst unzuverlässig war. Freilich waren es oft auch moralische Schuldgefühle, die die Freude am Sex post coitum schnell abklingen ließen.

Nicht zuletzt geht es in diesem Bereich der Ausstellung auch um folgenschwere Krankheitsinfektionen – von der „Lustseuche“ Syphilis, die erst ab 1928 mit Penicillin behandelt werden konnte (und in den vergangenen Jahren wieder verstärkt auftritt), bis hin zum HI-Virus, der den Umgang mit Sex seit den 1980er-Jahren radikal geprägt hat.

Zur Ausstellung erscheint ein rund 450 Seiten starker Katalog im Metroverlag, der den Fokus auf das Thema mit über 50 Beiträgen und wissenschaftlichen Aufsätzen weit über die Ausstellung hinaus öffnet. Weitere thematische Ausflüge unternimmt das umfangreiche Rahmenprogramm (von Stadtexpeditionen über eine Tagung zum Wiener
„Skandalroman“ Josefine Mutzenbacher am 1./2. Dezember 2016 bis hin zur „Langen Nacht des Sex“ am 20. Jänner 2017).

Anlässlich der Ausstellung zeigt dass Film Archiv Austria im Metro Kinokulturhaus ab 16. September 2016 eine Filmreihe mit dem Titel „Sex in Wien. Eine Sub-Geschichte des österreichischen Kinos 1906–1938“.