Jüdisches Wien

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Das erste Zeugnis jüdischer Kultur in Wien geht auf das Mittelalter zurück – Herzog Leopold V. bestellte 1194 den jüdischen Bürger Schlom zu seinem Münzmeister. Seine Familie wird von durchfahrenden Kreuzrittern ermordet. Bis zur Etablierung des heutigen jüdischen Gräzels im zweiten Bezirk vergehen noch Jahrhunderte, die von Feindseligkeit gegenüber der jüdischen Gemeinde geprägt sind.

Medieval Vienna
Medieval Vienna

Vertreibung und Hetzkampagnen

Das erste jüdische Ghetto bestand im 13. Jahrhundert um den heutigen Judenplatz. Die jüdische Bevölkerung war zwar toleriert, durfte jedoch weder Grund besitzen, noch Handwerksberufe ausüben. So waren die meisten Familien als Händler tätig, insbesondere der Geldverleih gegen Zinsen war lukrativ, weckte aber Feindseligkeit bei christlichen Schuldnern. 1420/21 erreichte das antisemitische Klima – geschürt durch Vorwürfe der Hostienschändung und Gerüchten über Ritualmorde – in einem traurigen Pogrom seinen Höhepunkt: Die Wiener Juden wurden vertrieben oder ermordet, viele begingen kollektiven Selbstmord, indem sie sich in ihrer Synagoge bzw. mit dem Gebäude gemeinsam verbrannten. Bis 1624 bestand ein Ansiedelungsverbot in Wien, es gab zwar immer wieder Ausnahmegenehmigungen, Hetzkampagnen machten aber den Alltag relativ unangenehm. Im Jahr 1670 kam es unter Kaiser Leopold I. zu einer erneuten Vertreibung. Zeitgelich wurde die Wohngegend im heutigen 2. Bezirk von „Unterer Werd‟ in Leopoldstadt umbenannt – hier befindet sich heute das jüdische Zentrum Wiens.

Verbesserung der Lebensbedingungen

Die Türkenkriege schwächten die Staatsfinanzen und so holte man sich ab 1683 jüdische Kreditgeber nach Wien. Erst im Jahr 1782 erließ Kaiser Joseph II. sein Toleranzpatent, das die Befreiung von vielen Einschränkungen beinhaltete und den Zuzug von Juden nach Wien genehmigte. Erst 1812 – unter Kaiser Franz I. – wurden die Eröffnung einer Schule und eines Bethauses in der Seitenstettengasse (1. Bezirk) genehmigt. Einzelne jüdische Bürger und Bürgerinnen rückten zu dieser Zeit in den Adelsstand auf. Einige jüdische Frauen zeigten sich als Gastgeberinnen der sogenannten „literarischen Salons‟ – einen der einflussreichsten initiierte Fanny von Arnstein.

Das Revolutionsjahr 1848 war für die jüdische Gemeinde bedeutsam, zumal sie sich zentral an den Ereignissen beteiligte. Der jüdische Arzt Dr. Adolf Fischhof formulierte die wesentlichen Forderungen der Revolution am 13. März 1848 vor dem Landhaus in der Herrengasse. Themen waren die Religions- und Pressefreiheit sowie Lern- und Lehrfreiheit. Ein wesentlicher Grundstein für die Verfassung des Jahres 1867 war damit gelegt. Außerdem konnte durch die Veränderungen im Jahr 1852 die Israelitische Kultusgemeinde gegründet werden und der Weg in die Aristokratie und zum Großbürgertum war für jüdische Familien geebnet. Zu dem kulturellen Aufschwung Wiens in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts trugen viele jüdischen Familien bei, da sie sich tendenziell mit dem Österreich der Habsburger, dem liberalen Gedankengut der Zeit und mit dem sogenannten „deutschen Kulturgut‟ identifizieren. Die eigene Identität wurde dabei aber stets bewahrt.

Unter widrigen Umständen

Karl Lueger, der als Wiener Bürgermeister von 1897–1910 regierte und dabei einen religiösen Antisemitismus vertrat, war nicht gerade förderlich für das Klima. Und während sich die Emanzipation der Arbeiterschaft abzeichnete, schrieb Theodor Herzl sein visionäres Buch „Der Judenstaat‟ und begründete damit 1896 den politischen Zionismus. 1918 wurde die Republik ausgerufen und bereits im Mai 1919 fanden die ersten demokratischen Wahlen für Frauen und Männer statt: Die Sozialdemokraten gewannen, Bürgermeister Jakob Reumann steht bis heute für das „Rote Wien‟ das eine umfassende Reformpolitik betrieb, die vor allem in Sozial-, Gesundheits- und Wohnbaufragen Fortschritte brachte. Der austrofaschistische Ständestaat beendete diese Ära 1934 abrupt, die Sozialdemokraten wurden von Vertretern des Ständestaats gewaltsam aus dem Rathaus entfernt. Trotz dieser politischen Wirren und darauffolgenden Widrigkeiten nahmen Juden in der Monarchie und in der Ersten Republik eine bedeutende Stellung ein. Schriftsteller, Theaterleute, Musiker, Künstler und Ärzte stammten aus jüdischen Familien. Die Mehrzahl der österreichischen Nobelpreisträger ist jüdisch. Auf Erfolg folgt Neid. Und dieser wurde schon bald in der antisemitischen Propaganda geschürt.

Antisemitismus und Holocaust

Judenplatz © Jüdisches Museum Wien
© Jüdisches Museum Wien

Schon in den 1930er Jahren verstärkte sich der Antisemitismus auf politischer und religiöser Ebene spürbar. Hitlers Ideologien fielen durchaus auf fruchtbaren Boden – mit seinem Einmarsch beginnt schließlich ein Leidensweg ohne Vergleich. Den Beginn machten ernsthafte Ausschreitungen gegenüber der jüdischen Bevölkerung, öffentliche Erniedrigungen und Misshandlungen. Mit Verabschiedung der Nürnberger Gesetze erreichte der Rassenwahn seinen ersten Gipfel: Ab diesem Zeitpunkt war bekanntlich beinahe alles verboten, jüdische Frauen mussten den Vornamen „Sara‟, Männer den Namen „Israel‟ führen, dazu musste ein gelber Stern getragen werden. Viele Familien wurden enteignet, die Geschäfte „arisiert‟. In der Nacht von 9. auf 10. November 1938 brennen Synagogen, Bethäuser, Geschäfte werden geplündert und geschändet. Allein der Stadttempel in der Seitenstettengasse bleibt. Menschen werden getreten, geprügelt, getötet. Hitlers angeordnete „spontane Entladung des Volkszorns‟ wird ein voller Erfolg für die Nationalsozialisten. Viele Wiener und Wienerinnen machen mit, viele sehen weg.

Einst blühte die jüdische Gemeinde – die Nationalsozialisten zerstören sie fast vollständig. 130.000 von ca. 206.000 als jüdisch geltende Menschen verlassen Wien bis Mai 1939. 1941 erreicht der Wahnsinn ein weiters Mal einen Gipfel in den Massendeportationen. Mehr als 65.000 Menschen sterben in Konzentrations- und Vernichtungslagern – sie sind Teil der sechs Millionen Opfer, die der akribische Massenmord der NS forderte, sowie geschätzte 4.000–5.000 Menschen, die aufgrund ihrer Homosexualität deportiert wurden.

Nach dem Krieg

Viele Personen, die das Leben in Wien entscheidend mitgeprägt haben, sind frühzeitig ausgewandert. Unter den vielen Unbekannten, die die Leopoldstadt verlassen mussten, findet man auch Prominenz wie Sigmund Freud und seine Frau Anna. Nach dem Krieg sieht sich das offizielle Österreich als erstes Opfer des Nationalsozialismus, die Regierung ist nicht wirklich daran interessiert, den Vertriebenen eine Heimkehr zu ermöglichen. Kein Wunder: Die Lücken, die sie Hinterlassen haben wurden bereits geschlossen – Lehrstühle sind besetzt, Geschäfte sind in anderen Händen, Positionen wurden längst übernommen. Wohnungen werden von anderen bewohnt – teils inklusive Mobiliar, Kunstwerken und persönlichen Kostbarkeiten. Die Frage der Restitution wird aufgeschoben – bis heute sind noch nicht alle Fälle geklärt bzw. alle Menschen „entschädigt‟ und ihres rechtmäßigen Besitzes habhaft.

Tatsächlich musste ein weiterer politischer Mord geschehen, um ein Umdenken anzustoßen: Ausschlaggebend war das Verhalten des Universitätsprofessors Taras Borodajkewycz, der in seinen Vorlesungen antisemitisches Gedankengut verbreitete und von der rechten Studentenschaft gefeiert sowie von linken längst kritisiert wurde. (Interessantes Detail: Der Skandal um Borodajkewycz wurde vom österreichischen Bundespräsidenten Heinz Fischer, damals jung und Student, publik gemacht!) 1965 kam es zu Demonstrationen für und gegen den Professor. Bei einer Demonstration wurde der Kommunist und ehemalige KZ-Häftling Ernst Kirchweger von einem Neonazi verprügelt – nur wenige Tage später starb er an seinen Verletzungen. Zur Trauerfeier am Heldenplatz erschienen 25.000 Menschen, darunter die gesamte Bundesregierung. Das Umdenken und die Enttabuisierung der jüngsten politischen Vergangenheit führte sich in der Studentenbewegung der 1968/69er Jahre fort. Eine Stellungnahme bzw. ein Eingeständnis der Mitschuld am Holocaust gab es erschreckenderweise erst Anfang der 1990er Jahre unter Bundeskanzler Franz Vranitzky.

Jüdisches Wien heute

Judenplatz © Jüdisches Museum Wien
Judenplatz © Jüdisches Museum Wien

Die jüdische Gemeinde zeigt sich heute höchst rege und hat sich der tragischen Ausgangslage 1945 zum Trotz als Israelitische Kultusgemeinde selbstbewusst entwickelt. Abgesehen vom Stadttempel war damals kein einziges Zeugnis der jüdischen Kultur unversehrt, Synagogen und Friedhöfe waren Ruinen, die Gemeinde zählte nur mehr zwischen 1.000 und 1.500 Mitglieder. Die heute wieder starke Gemeinde kümmert sich um Kultur- und Kultusangelegenheiten, Öffentlichkeitsarbeit, Soziales, Bildung, Sicherheit und religiöse Belange.

Gegenwart statt Vergangenheit

Wem die Gegenwart näher liegt als die Vergangenheit, der sollte sich im 2. Bezirk, der bereits erwähnten Leopoldstadt, umsehen. Im 17. Jahrhundert befand sich hier die „Judenstadt‟, bewohnt von jenen, die aus der Stadt vertrieben wurden. Heute ist der Anteil an orthodoxen Juden in der mittlerweile recht zentral gelegenen Leopoldstadt relativ hoch. Höchst auffällig sind die jüdisch orthodoxen Familien – Frauen mit Perücken oder Kopftüchern, Männer mit breitkrempigen Hüten, Bärten und Peikeles – die vor allem am Schabbat das Bild des Grätzels prägen und die Infrastruktur, mit Koscher-Läden, Synagoge und jüdischen Schulen.

Entlang etlicher Gedenksteine führt der „Weg der Erinnerung‟ durch die Gegend zwischen Hollandstraße und Tempelgasse und markiert 17 bedeutsame Stationen, deren Erklärungstafeln sich teils mit der Geschichte, teils auch mit dem Alltag der jüdischen Gemeinde befassen. 96 Steine der Erinnerung gedenken der aus Wien Vertriebenen – der Weg kann eigeninitiativ begangen werden. (http://www.erinnern.at/bundeslaender/oesterreich/gedaechtnisorte-gedenkstaetten/katalog/weg_der_erinnerung; Plan und Informationen zum Download; Führungen nach Voranmeldung möglich) Für Spontane gibt es jeden Freitag eine Führung (Treffpunkt um 13.30, Schwedenplatz /Ecke Rotenturmstraße / McDonalds; Info unter [email protected]), die sich auch am Weg der Erinnerung orientiert und Einblicke in zeitgemäßes jüdische Alltagsleben gibt. Wer danach hungrig ist, der kann sich am Karmelitermarkt niederlassen oder in eines der koscheren Restaurants einkehren, zum Beispiel ins Simchas (Taborstr. 47, 2. Bezirk), das bucharische d. h. koschere usbekische Küche anbietet. Im Bahur Tov (Taborstraße 19, 2. Bezirk) speist man jüdisch-asiatisch-international, in der Pizzaria Milk & Honey (Kleine Sperlgasse 7, 2. Bezirk) gibts … na was wohl? Aber auch koscher. Das King David am Volkertmarkt – ein Stück weiter Richtung Prater – ist ein ganzes Imperium, bestehend aus koscher Fleischerei, Bäckerei und einem Pita-Falafel-Imbiss.